Die mediale Alternative zu G7 – Auf ein Wort mit Benjamin Ruß

Wer erinnert sich noch an die G7-„Schlacht“ im bayerischen Elmau? Was blieb davon im Gedächtnis? Sind es die pittoresken Bilder der Staatenlenker auf grüner Wiese vor malerische Bergkulisse? Sind es die Eindrücke der martialisch ausgerüsteten Sicherheitskräfte, denen eine bunte Demonstranten-Truppe gegenüberstand? Oder ist es das friedliche Camp der Gipfelgegner mit Volxküche und Fotoverbot das in Jahren noch vom Gipfel erzählen wird?
Oder ist es gar das „Gesicht“ des Widerstandes, der Stop-G7-Sprecher Benjamin Ruß?

Die Linke Medienakademie war gefragt worden, ob sie als mediale Unterstützerin für die G7-Proteste zur Verfügung stehe – und diese Ehre, ein demokratisches Recht verwirklichen zu helfen, ließen wir uns selbstverständlich nicht entgehen und zogen mit Sack und Pack für zehn Tage ins Bayrische.

G7- Gipfel finden nur alle paar Jahre in Deutschland statt, der letzte davor war der schon legendäre 2008 in Heiligendamm. Und auch in Elmau steuerte alles auf eine mediale Ausnahmesituation hin. Eine ganze Branche stürzte sich tagelang auf eine kleine Region und ließ ihre geballte Anfragemacht auch auf die G7-Aktivisten hernieder prasseln.

Allerdings sprangen, wie sich zeigte, die meisten Medien – ob Print, Radio oder TV – erst dann auf den Berichterstatter-Zug auf, als die Aktionen vor Ort bundesweite Kreise zu ziehen begannen: Dieser Break-Even-Punkt, ab dem der Protest interessant wurde, lässt sich sogar ziemlich genau bestimmen: Es war der Moment, als die Aktivisten ihr Zeltcamp in Garmisch genehmigt bekamen. Nun war klar, dass es wirklich zu einem Anti-„Event“ kommen, dass es berichtenswerte und sendbare Bilder vom Camp und von den Aktionen geben würde.

Das Mantra der menschelnden, personalisierten Berichterstattung hat auch diese Großaktionen längt erreicht und gipfelte unter anderen in der freundlichen Frage einer noch freundlichen Kollegin: „Wie ist er denn so, der normale Demonstrant?“.
Ja,
eine normale Press-Relations-Konzernabteilung würde dann dienstleistend zurückfragen: Was wolln’se denn so? Einen Azubi, der mit alleinerziehender Mutter lebt und „dank“ des Unternehmens noch die „Kurve“ gekriegt hat? Oder nehmen wir lieber eine Managerin aus der mittleren Ebene, die Karriere und Kinder zusammenbekommt, wahlweise, weil sich der Mann oder ein Babysitter oder – noch besser – die Lebenspartnerin um die Kinder kümmert.

Die scripted reality bestimmt, so hat’s den Anschein, auch bei solchen Gipfelereignissen schon die redaktionelle Anfrage. Man kommt mit der fertigen Story im Kopf zum Ort X und möchte dort die passenden Akteure vorfinden, mit denen sich die Geschichte realisieren lässt. Schnell, effektiv und gern auch „anonymisiert“. Man ist ja doch nicht, soviel bekommen die Redakteure schon mit, so bei einer normalen Demo…

Wie aber geht ein ehrenamtliches Presseteam mit solchen Anforderungen um? Wie lassen sich das „Bedürfnis“ der Medien nach persönlichen Stories mit dem nötigen Schutz der Aktivistinnen und Aktivisten vereinbaren? Und wie reagiert man auf die „ewige“ Anfrage nahezu aller Medien: Wie haltet Ihr es mit der Gewalt?

Und die Aktivisten selbst fragen sich: Wo bleiben bei der ganzen Berichterstattung überhaupt unsere Inhalte. Lesen die Journalisten denn unser Manifest oder unseren Aktionskonsens? Wie schaffen wir es, dass die ganzen Aktionen unsere Kritik und die Alternativen nicht überdecken…

Die Interessen der Medien und der Gipfelaktivisten schienen mitunter Lichtjahre auseinander zu liegen. Die zehn Tage G7-Gipfel boten in dieser Hinsicht viel Erfahrungs- und Lehrstoff, bei dem sich Aufarbeiten und Diskutieren lohnen.

Die Linke Medienakademie freut sich deshalb, dass Benjamin Ruß am 25. September auf der #LiMA15 zum Podium „Protest, Presse und Polizei(gewalt) beim G7.Gipfelauf ein Wort vorbeikommt.

Jörg Staude